Landwirtschaft auf Neuseeländisch

Praktikum Neuseeland in der Landwirtschaft

Bauernsohn Chris Gilli (20) hat sich zum Auslandaufenthalt entschlossen, weil er Berufserfahrung im Ausland sammeln wollte. Der Maturand ist noch bis Ende März auf einem Ackerbaubetrieb in Ashburton, Neuseeland.

Nach einer 24 Std. langen Reise hat Chris Gilli Neuseeland endlich erreicht. «Da ich schon früh für den Flug von Sydney nach Christchurch einchecken konnte, hatte ich einen Fensterplatz. Die Hoffnung, von da oben etwas von Neuseeland zu sehen, hatte ich wegen des wolkigen Wetters schon fast aufgegeben, als die Nebeldecke unweit der Westküste plötzlich aufriss und einen unglaublichen Blick auf die Südalpen frei machte. Die Farben und Formen der unter mir liegenden Landschaft waren schlicht atemberaubend. Ich kam mir vor wie über einer Spielzeugeisenbahn, allein schon für diesen Anblick haben sich die Strapazen dieser langen Reise gelohnt. » meint Chris Gilli rückblickend. Nach einem Tag in Christchurch, «Stadt der Gärten », wurden die Praktikanten mit dem Bus weiterverteilt. Auf der Farm in Ashburton, auf welcher Chris die nächstenMonate verbringen sollte, ist schon ein Schweizer Praktikant amWerk: Colins, ein junger Landwirt aus Neuenburg. «Da er nicht deutsch spricht und ich nicht französisch, wird trotzdem fleissig Englisch geübt», so Chris.

Der Kulturschock

Auf der Farm wartete eine ziemliche Überraschung auf Chris: «Wider all meine Erwartungen traf ich keinen säuberlich aufgeräumten Hof mit moderner Mechanisierung an, sondern einen ziemlich unaufgeräumten mit eher etwas in die Jahre gekommenen Maschinen. So sind – nach meinen Schätzungen – alle Traktoren älter als ich.» Chris sollte rasch feststellen, dass dies durchaus typisch neuseeländische Verhältnisse sind. «Ich musste nun also meine Vorstellungen mit der Realität synchronisieren», erinnert sich Chris Gilli. Er wollte sich durch diesen «Kulturschock» aber keinesfalls ausbremsen lassen. Immerhin darf er mit Mitpraktikant Colins ein kleines zweckmässiges Haus bewohnen. Chef Richard und seine Familie wohnen im Haupthaus. Der Chef ist ein sehr netter Mann in den Fünfzigern. «Er hat sogar geholfen, einen Gebrauchtwagen für Colins und mich zu organisieren.»

Erste Arbeitswochen

Die Arbeitszeiten existieren auf der Farm doppelt. In Theorie und in Praxis. «In Theorie sieht das so aus: Wir beginnen, wenn nichts Ausserordentliches ansteht, um 8.30 Uhr morgensmit der Arbeit, Mittagspause ist um 12.30 Uhr. Um 13.30 Uhr geht es weiter bis um 18.00 Uhr. Es kann aber auch vorkommen (vor allem während der Erntezeit) dass wir morgens erst später beginnen, dafür aber länger in den Abend hinein arbeiten. So viel zur Theorie, in der Praxiswird das alles nicht so eng gesehen.»Wenn wie zu Anfang des Praktikums im Dezember nicht allzu viel los ist, stehen vor allem Wartungs- und Reparaturarbeiten an. Feierabend war da oft schon um halb fünf oder noch früher. Neben Wartungsarbeiten an Traktoren und Mähdreschern gehörte auch das Unkrautvertilgen zu den Aufgaben der Praktikanten: «Dazu benötigten wir einen Pick-up-Truck, einen Anhänger mit aufgebautem 1000- l-Plastiktank, eine benzinmotorbetriebene Wasserpumpe, einen langen Schlauch, eine Spritze, etwas Spritzmittel und viel Wasser. Eine Person fuhr den Truck, die andere stand hinten drauf und zielte mit der Spritze auf das zu vertilgende Unkraut. Wir fuhren so den Feldrändern entlang, um dort ungewünschteGewächse zu bekämpfen. Im Ganzen versprühten wir so etwa 2500l von diesem teilweise recht üblen Stoff.» Keine leichte Aufgabe für einen Biobauern-Sohn.Dass er sich auch gleich in der ersten Woche den ersten Sonnenbrand holte, passte in die Geschichte.

Alltag eingekehrt

Inzwischen sind einige Wochen vergangen, und Chris hat sich gut eingelebt und viel erlebt. Er hat gelernt, dass alte Maschinen den Vorteil haben, dass man viel daran selber flicken kann – das englische Fluchvokabular hat es gratis dazu gegeben. . . Er hat gelernt,mit diesen Maschinen Grosses zu leisten: «Innerhalb zweier Tage haben wir mit alten Maschinen auf einer Fläche von 27 ha Kaulgras gemäht – so viel mähen wir zu Hause in einem ganzen Jahr!»
Auch beim Dreschen konnte der Praktikant voll mit anpacken: «Colins und ich wurden vom Chef in die Kunst des Mähdrescherfahrens eingeweiht. Ich habe sogar schon einmal erfolgreich den Korntank entleert. Unsere Aufgabe bestand aber meist darin, die vollen Anhänger zu den Silos zu fahren und sie dort zu entladen. » Inzwischen wurde er auch in die Kunst desMercatorfahrens eingeführt. Die Mercatoren (auf der Farm gibt es zwei davon) haben etwa Baujahr 1975 und sind noch mit einem manuellen Getriebe ausgestattet... Doch die Abenteuer sind noch nicht zu Ende. Chris Gilli bleibt bis EndeMärz in Neuseeland. «Ich hoffe, bei möglichst vielen Arbeiten mithelfen zu können, um dann mit einem mit Berufserfahrung vollgepackten Rucksack den Heimweg antreten zu können.»